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Sören Rupp berichtet über seine Fahrt nach Weißrussland
"Dritte Welt" - mitten in Europa
Ich habe zuvor noch nie eine Grenze gesehen, wo so viel kontrolliert wird. ... Als wir nach Weißrussland hineinfahren, bin ich zunächst geschockt über die schlechten Verhältnisse, die dort herrschen. Herunter gekommene Häuser, nichts hat seine Ordnung. Aber trotzdem werden wir mit einer Freundlichkeit und Liebe empfangen, die mich sehr beeindruckt. Ich muss an uns Deutsche denken, die, trotz des Wohlstands, neidisch auf andere sind, denen es noch besser geht. Wir sind nicht so gastfreundlich und werden es nie werden. Ein Lehrer verdient in Weißrussland 50 Dollar im Monat, ungefähr 110 DM. Eine Familie hat ein Monatseinkommen von 200 DM, wenn zwei Familienmitglieder arbeiten gehen. Und trotzdem bieten sie uns immer Essen und Trinken an. Vielleicht nehmen sie aus ihrer Liebe und Freundschaft zu anderen die Kraft zum Leben und zum Überleben.
Wir besuchen einen Eispalast. Neu gebaut im Jahr 2000. Sie haben es vom Präsidenten Lukaschenko 'geschenkt' bekommen. Aber ich frage mich, was das für ein Präsident ist, der seinen Bürgern einen Eispalast baut, ihnen aber kein Geld zum überleben gibt.
Auf unserem Plan steht ein Besuch im Tonus, einem Therapiezentrum für behinderte Kinder. Es ist das einzige in Weißrussland. In ganz Weißrussland gibt es etwa 5000 solcher Kinder. In diesem Heim kann nur ein kleiner Teil davon aufgenommen und behandelt werden. Die Mitarbeiter stehen mit ihrer ganzen Energie hinter ihrer Arbeit. An diesen Ärztinnen sieht man, dass Menschen immer wieder die Kraft aufbringen können, anderen Menschen zu helfen. Verschiedene Organisationen aus verschiedenen Ländern unterstützen dieses Heim seit Jahren: Eine Apotheke für Zwangsarbeiter wird mit der Hilfe aus Villingen und Nonnenroth eingerichtet; eine Werkstatt wird eröffnet, damit die Menschen sich selbst helfen können; Bilder von weißrussischen Künstlern werden in Deutschland gegen Spenden abgegeben. Der Erlös dieser Bilderausstellungen kommt wiederum Weißrussland zugute.
Einer der Künstler hat uns zum Essen eingeladen. Eine sehr nette Familie, wie fast alle Familien, denen wir begegnet sind. Der Sohn ist behindert. Dieser intelligente Junge hat keinen Platz im Therapiezentrum. Er gilt als nicht therapierbar, was in Deutschland unmöglich wäre. Dieser immerzu lächelnde Junge hat keine Zukunft, nicht in Weißrussland. Sein Vater hat uns in der Vergangenheit schon viele Bilder verkauft. Auch dieses Mal haben wir uns fünf ausgesucht. Es sind sehr schöne Bilder, kein Kitsch. Er braucht Geld für seine Familie. Er braucht Geld zum Überleben. Doch der Preis für seine Bilder ist zu hoch. Wir können nur Bilder kaufen, wenn wir sicher sind, dass wir sie in Deutschland wieder zu einem höheren Preis verkaufen können. Man kann nur helfen, wenn dadurch anderen geholfen wird. Es zerreist einem das Herz, wenn man diese Familie mit ihrem behinderten Kind sieht. Man möchte ihnen möglichst viel Geld geben, aber man hat keine andere Wahl. Man kann nur helfen, wenn dadurch anderen geholfen wird. Schließlich muss er das tiefere Preisangebot annehmen. Er muss! Es tut uns allen Leid, denn wir hätten gerne mehr gegeben.
Wir fahren nach Pinsk, ein bisschen tiefer ins Land hinein. Die Landschaft ist an trister Einöde kaum zu übertreffen. Die Menschen bestellen ihre Felder teilweise noch mit Pferden. Ein Radfahrer kommt auf der Autobahn entgegen. Nur wenige Autos. Wir fahren in den Süden - Richtung Tschernobyl, Richtung Ukraine.
Im Vergleich zu den kleinen Dörfern, wo Familien in kleinen Holzbauten mit höchstens zwei oder drei Zimmern leben, ist Brest mit seinen zerfallenen Häusern geradezu Luxus. Da soll sich ein Mensch in Deutschland fragen, ob es ihm schlecht geht. Uns geht es sehr gut! Ich habe erfahren, dass die Bedingungen, als die Hilfsorganisationen vor ein paar angefangen haben, noch viel schlechter waren. Inzwischen kann man Cola kaufen und Pizza essen. Die Straßen sind inzwischen geteert. Zwar nur notdürftig, aber immerhin. All das, was bei uns selbstverständlich ist. Es werden sogar überall neue Häuser gebaut die hoffentlich etwas länger halten, was aber nicht zu erwarten ist. Im Vergleich ist Deutschland = Wohlstand.
Wir besuchen die Frauenklinik von Pinsk. Die Ausstattung ist sehr schlecht. Die Ärzte müssen mit Geräten arbeiten, die teilweise schon 40 oder 50 Jahre alt sind. Es mangelt an den einfachsten Dingen wie Mullbinden und Nahtmaterial. Frauen, die einen Kaiserschnitt haben müssten, kann der Bauch nicht zugenäht werden. Unfassbar. Wir haben die Dritte Welt ganz nah bei uns, mitten in Europa.
Ich werde auf dieser Reise immer wieder gefragt, wie es mir in Weißrussland gefällt und was ich für einen Eindruck habe. Ich verstumme dann immerund überlege, was ich antworten soll. Ich weiß nie, wo ich anfangen soll. Ich werde überrollt von Eindrücken, die ich in Europa so nie erwartet hätte. Armut, schlechte Lebensbedingungen und Menschen, die in ihrem Land sozusagen gefangen sind. Das ist auch der Grund, warum ich alles schreibend ausdrücke.
Wir fahren in ein Kinderheim in Malotkowitschi. Eine Gruppe Kinder erwartet uns schon. Strahlende Kinderaugen. Sie freuen sich über unsere Ankunft. Auch hier ist die Armut groß. Es ist nicht genug Geld da um Essen zu kaufen und das Dach ist undicht, was auch das größte Problem zu sein scheint. Aber wir können nicht überall helfen. Die Kinder führen uns ein Konzert vor. Die Organisation ist nicht so gut, aber wir sind alle sehr angerührt. Wir bekommen sogar Geschenke. Sie haben die Holzschnitzereien selbst gemacht.
Die zweite Etappe an diesem Tag soll eine Schule in Domaschitzi sein. Dort lassen wir einen Kopierer und 15.000 Blatt Papier. Diese Schule ist damit jetzt die einzige Schule in dieser Region, die eine solche Technik besitzt. Traurig! Auch hier spielen uns Kinder ein Lied vor und geben uns selbstgemachte Geschenke. Sie sind extra nach dem Unterricht dageblieben, um uns zu begrüßen. Wie überall in Weißrussland mangelt es auch hier an vielem. Die Schultoiletten sind unbeschreiblich. Alle Kinder haben gespendete Kleider aus Deutschland an.
Nun fahren wir wirklich in die kleinsten Dörfer. Die Menschen leben mit ihrer Familie in "Gartenlauben" mit vielleicht drei Zimmern. Pferd und Fahrrad statt Auto. Es kommt mir so vor als wäre die Welt vor 100 Jahren stehen geblieben. Kein fließendes Wasser. Es gibt nur Wasser aus Brunnen. Hier leben viele alte Leute. Die jungen sind alle weggezogen. In die Stadt. Der Mann aus der Familie, die wir besuchen, ist Rentner. Doch seine Rente ist zu klein um zu überleben. Deswegen sammelt er im Wald Harz. Er verkauft es nach Minsk. Für eine Tonne Harz bekommt er 50 Dollar. Dieser Mann ist 55 Jahre alt. Er sieht aus wie 70. Er muss arbeiten bis er umfällt. Sein Leben war nicht schön. Wenn ich mir vorstelle, als junger Mann hier leben zu müssen, dann gehe ich an diesem Gedanken kaputt. Wenn jemand in Deutschland sagt, er bräuchte Erholung - unser Leben ist Erholung. Wenn jemand in Deutschland sagt, er bräuchte Urlaub - unser Leben ist Urlaub. Man begegnet immer wieder Leuten, die in Lumpen herumlaufen. Ich denke, man könnte sagen, dieses Land hat das Elend gepachtet.
Wir besuchen 3 Kilometer entfernt einen Med-Punkt. Hier leitet eine Frau eine Praxis, wo sich Leute aus der näheren Umgebung untersuchen lassen können. Sie macht das fast ganz alleine. In Weißrussland sind es oft nur Frauen, die etwas anpacken und dem Land helfen.
Wir besuchen ein Landkrankenhaus. Der Chefarzt begrüßt uns herzlich und ist sehr froh, uns zu sehen. Wir besichtigen die Räumlichkeiten. Sie sind gegenüber letztem Jahr viel freundlicher und heller geworden. Die Ärzte selbst haben alles renoviert. Durch den Einbau einer neuen Heizung, möglich geworden durch Spenden aus Oberhessen vor ein paar Monaten, konnten wir die Schließung des Krankenhauses verhindern. Der Chefarzt strahlt uns an und sagt, es wäre der erste Winter seit Jahren gewesen, wo es richtig warm war. Ohne diese Hilfe hätten die Menschen in dieser Region kein Krankenhaus mehr gehabt. Ein weiterer Raum wird uns gezeigt. In der Mitte des Raumes steht ein "Zahnarztstuhl". Defekt!! Es gibt keine Bohrer mehr. Der Stuhl besteht aus einer beweglichen Lehne, dem eigentlichen Sitz und einer Ablage für die Füße. Man könnte meinen, wie bei uns. Aber er ist nicht mehr verstellbar, der Bezug ist schon ein paar Mal geflickt und eine richtige Kopflehne ist auch nicht vorhanden. In Deutschland nennt man so etwas Schrott. Hier müssen die Menschen damit auskommen. Als Abschluss wird uns eine "große" Tafel voll guter Speisen geboten. Unter anderem auch eine Fischsuppe. Der Chefarzt erzählt uns, dass er die Fische in der Nacht zuvor gefangen hat, obwohl das Angeln in dieser Jahreszeit verboten ist. Er ist erwischt worden und muss all seine Angelausrüstung abgeben, darunter auch 4 Fischernetze. Das alles nur um uns ein gutes Essen bieten zu können.
Wir kaufen Medikamente und medizinische Instrumente für das Pinsker Krankenhaus und für den Med-Punkt. Für das große Pinsker Krankenhaus gaben wir allerdings 2000 Dollar aus. Der Chefarzt, eine Abteilungsleiterin und eine Oberschwester konnten sich die am meisten benötigten Medikamente bestellen. Am Schluss kam eine Ärztin zu uns an den Bus und bedankte sich mit Freudentränen für unsere Hilfe. Da läuft es einem eiskalt den Rücken hinunter. Ich muss aufpassen, dass mir nicht die Tränen kommen. Aber ich weiß, dass wir wieder ein bisschen Freude in diese Welt gebracht haben, die für viele Menschen so traurig ist. Am Tag zuvor haben wir einer Familie mit Baby ein paar Kindersachen gegeben. Das Baby hat nur die Sachen, die es an seinem Leib hat, und wenn diese gewaschen werden, liegt es nackt in seinem Bettchen. Wie gut es uns doch geht und wir merken es nicht. Die Schere zwischen arm und reich geht in diesem Land immer weiter auseinander.
Wir haben uns geteilt. Während die einen Medikamente gekauft haben, sind die anderen noch mal ins Kinderheim nach Malotkowitschi gefahren und haben sich die Schäden am Dach angeschaut. Es ist in einem sehr schlechten Zustand. An den Wänden in den Räumen ist schon Schimmel zu sehen. Die Kinder müssen im Schimmel unterrichtet werden. Das Dach ist schon ein paar Mal notdürftig geflickt worden. Wir beschließen, dass wir kein Geld fürs Dach da lassen, denn das beste wäre, wenn wir ein komplett neues Satteldach bauen würden , aber das ist zu teuer. Dafür kaufen wir aber Lebensmittel und Ostergeschenke für die Kinder von unserem Geld.
Wir überweisen das Geld für die Frauenklinik. Als die Bankdirektorin erfährt, für welchen Zweck die 2000 Dollar gedacht sind, fängt sie an zu weinen. Ihre Tochter hat vor 3 Jahren in dieser Frauenklinik einen behinderten Sohn zur Welt gebracht und das nur, weil wegen Mangel an Nahtmaterial kein Kaiserschnitt gemacht werden konnte. Dadurch litt das Baby an Sauerstoffmangel und ist nun schwerstbehindert. Die Frau bedankt sich deswegen für unsere Überweisung und verabschiedet uns. "Geben ist nehmen".
Brestschanka lädt uns zum Grillen in den Wald ein. Es herrscht eine Außentemperatur von 3 Grad. Es gibt wieder viel Essen und natürlich Wodka. Um elf Uhr abends gehen wir in die Kirche. Es ist Ostern. Ostern ist für die Menschen in Weißrussland das größte Fest, wie bei uns Weihnachten. Es ist beeindruckend Ostern einmal etwas anders zu erleben.
So viele positiv und negativ beeindruckende Erlebnisse wie in dieser Woche habe ich in meinen kurzen Leben noch nie erlebt und ich würde es immer wieder tun!
Sören Rupp, 17 Jahre
- Früherer Bericht von Marita Klös über eine Weißrusslandfahrt:
- "Unterwegs in Weißrussland"
- email-Adresse der Weißrusslandhilfe Villingen/Nonnenroth:

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