Ein persönlicher Bericht von Marita Klös
Unterwegs in Weißrußland

Marita Klös Seit meinem letzten Besuch in Weißrußland waren 2 Jahre vergangen. Aus den Briefen "meiner" 8köpfigen Familie aus Pinsk, deren Kinder schon zur Erholung bei mir zuhause in Villingen waren, wusste ich, dass das Leben nicht einfacher geworden war. Auch dort Arbeitslosigkeit, Krankheit, Sorgen. Die Währung verfällt, die Inflationsrate liegt bei 370 % jährlich.

Ich wollte unbedingt wieder hin nach Weißrußland, um zu sehen, wie es den Menschen ging. Seit dem letzten großen Hilfstransport unserer Weißrußlandhilfegruppe waren schon drei Jahre vergangen. Danach fanden nur kleinere Aktionen statt. Uns "missfiel" der Stil des neuen Präsidenten Lukaschenko. Und nachdem wir beim letzten Hilfstransport die Medikamente und Kleidung nicht selbst verteilen konnten, warteten wir ab. Doch nun hatten wir keine Ruhe mehr. Wir wollten wieder hin zu den bedürftigen Menschen in der Gegend um Brest und Pinsk, zumal noch reichlich Spendengelder vorhanden waren. Laut Beschluss unserer Gruppe wollten wir erstmals nur Bargeld mitnehmen und direkt dort übergeben, wo es am nötigsten gebraucht wurde. So machten sich 4 Leute der Weißrußlandhilfegruppe am Nachmittag des 24. April (Ostermontag) mit dem vollgepackten Kleinbus in Sachen humanitärer Hilfe auf den Weg. Weitere 3 Personen kamen mit einem PKW nach. Wir waren 3 Frauen und 4 Männer.

Nach einer gut verlaufenen Fahrt durch Ostdeutschland und Polen kamen wir am nächsten Tag gegen 9.00 Uhr an unserem Zielort Brest an. Da keine stundenlangen Zollformalitäten wie sonst bei den großen Hilfstransporten zu erledigen waren, war alles viel schneller gegangen. Es war herrliches Wetter. Die vielen Flieder- und Obstbäume blühten schon üppig, die Birken strahlten in frischem Grün. Überall sahen wir Leute auf den Feldern beim Kartoffelsetzen. Wir staunten über die vielen Störche in ihren Nestern. Urlaubsstimmung kam auf. Doch wir hatten ja andere Pläne. Sofort nahmen wir Kontakt zu unserer Dolmetscherin Tanja auf, die uns in diesen Tagen begleiten sollte. Bei verschiedenen Malern suchten wir Bilder aus, die wir zuhause in Deutschland ausstellen und gegen Spenden abgeben wollen. Die Maler kennen unsere Arbeit und unterstützen sie, indem sie uns die Bilder zu günstigeren Preisen überlassen. Damit helfen wir ihnen gleichzeitig zum Leben und Überleben. Weiterhin kauften wir Waren ein, z.B. die beliebten Tischdecken, die wir immer an unserem Stand am Allerheilgenmarkt in Hungen "verkaufen".

Dann ging es weiter ins 2 Stunden entfernte Pinsk. Dort in den durch die Tschernobyl-Katastrophe verstrahlten Dörfern um die Kreisstadt Pinsk haben wir die Schwerpunkte unserer Hilfsarbeit gesetzt. Dort sind wir seit langem bekannt und wurden mit großer Herzlichkeit und Gastfreundschaft empfangen. Wir besuchten verschiedene Einrichtungen, die von uns seit Jahren unterstützt werden. Wir sahen uns alles an und sammelten Informationen. Am Ende hatten wir Geldbeträge in unterschiedlicher Höhe an verschiedene Einrichtungen abgegeben. So in der Schule von Domaschitzi für die Anschaffung von Schulmaterial und im Med-Punkt in Schitnowitschi für Verbandmaterial und 3000 Einwegspritzen. Die Leiterin der Internatsschule für behinderte Kinder in Molotkowitschi dankte uns mit Tränen in den Augen, als wir ihr Geld übergaben für die Reparatur des zur Feldbestellung und damit zur Versorgung der Schule dringend notwendigen Traktors (neuer Motor) sowie für die Sanierung des undichten Schulgebäudedaches. Hierfür war einfach kein Geld da. Besonders freuten wir uns, dass wir dem kleinen Landkrankenhaus in Lasisk helfen konnten. In diesem Krankenhaus funktionierten die Öfen nicht mehr und die Kamine waren in dermaßen desolatem Zustand, dass sie nach der Sommerzeit nicht mehr in Betrieb genommen werden durften. Dies hätte die Schließung des kleinen Krankenhauses bedeutet, da die finanziellen Mittel nicht vorhanden waren.

Weiterhin schauten wir uns das im vorigen Jahr aus einem ehemaligen Pionierlager auf einem großzügigen, idyllischen Gelände errichtete Kinder-Erholungslager an. Wir waren sehr angetan von diesem Projekt und spendeten Geld für fehlende Stühle und Betten sowie die Errichtung einer Bademöglichkeit am abgezweigten Fluss. Da uns immer wieder gesagt wurde, dass Kleiderspenden nach wie vor sehr gebraucht würden, beschlossen wir, im Herbst dieses Jahres wieder gute, gebrauchte Kleidung zu sammeln.

Ein besonderes Anliegen war es uns, Shanna Simonova zu besuchen. Die Englisch-Lehrerin aus Stolin hatte vor 2 Jahren in Lich ein Mädchen zur Welt gebracht, nachdem ihr die Ärzte in ihrer Heimat aufgrund ihrer Krebserkrankung nur zur Abtreibung geraten hatten. Ihre Geschichte stand damals in unseren Zeitungen und es gingen viele Spenden auf dem eingerichteten Konto für die Bezahlung aller Kosten ein. Wir überbrachten Shanna, deren Gesundheit immer noch nicht die beste ist, den noch vorhandenen Restbetrag dieses Kontos und natürlich Geschenke für das kleine Mädchen Carina. Wie freuten wir uns, dieses Kind so aufgeweckt und strahlend und vor allem gesund zu sehen. Es ist ein richtig süßer Schatz. Ob es sich später einmal für die Völkerverständigung einsetzt? Ich könnte es mir vorstellen.

Natürlich besuchten wir auch noch andere uns bekannte Familien, aus denen damals im Jahre 1992 erstmals die Kinder aus den verstrahlten Dörfern zur Erholung zu uns nach Deutschland gekommen waren. "Ihr Deutschen seid die ersten gewesen, die uns damals geholfen haben!" wurde uns wieder gesagt. Es war schön zu sehen, wie aus den schüchternen Kindern von damals junge Erwachsene geworden sind, die sich freuen, wenn wir kommen. Für viele brachten wir Pakete und Briefe von ihren Freunden aus Villingen, Nonnenroth und Langd mit. Fast jeden Tag waren wir eingeladen zum Essen in den uns bekannten, einfachen Häusern. Alles wurde aufgetischt, was Haus und Garten hergaben. Jede Familie hat einen Garten, den sie zum Überleben braucht. Es ist schwer, dieses Leben auf dem Land in Weißrußland. Harte Arbeit, von Luxus keine Spur. Wir erfuhren viel bei diesen Besuchen. Besonders erschreckend war für uns zu hören, dass viele werdende Mütter Probleme haben, ihre Kinder auszutragen.14 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe sind aus den Kindern von damals junge Frauen geworden, die heiraten und Kinder bekommen möchten. Doch wie wir von Allas Tochter Lena, die selbst in dieser Lage ist, erfuhren, bedeutet die Schwangerschaft für die jungen Frauen Angst und Sorge um das Kind. Viele Frauen müssen ins Krankenhaus, werden beobachtet und bekommen Medikamente, weil sich das Baby sonst nicht weiterentwickelt. Die Fehlgeburtenrate ist unnatürlich hoch. Die Menschen sind oft verzweifelt, doch sie haben auch viel Fröhlichkeit, Zuversicht und Gottvertrauen. Tief beeindruckt waren wir von dem Osterfest, welches eine Woche später als unseres begangen wird. In der Osternacht warteten Tausende von Menschen stundenlang vor den Kirchen, um die Auferstehung von Jesus Christus zu feiern, welche um Mitternacht verkündet wurde. Danach wurde bis zum Morgengrauen in den Kirchen gebetet und gesungen.

Natürlich waren wir auch bei der bestens bekannten Folkloregruppe "Brestschanka" eingeladen, die uns Freunde geworden sind. Es gab ein fröhliches Wiedersehen: "Endlich seid ihr wieder einmal zu uns gekommen!" Sie luden uns ein, unseren letzten Tag, den einzig freien, mit ihnen zu verbringen. Nach einem reichhaltigen Osterfrühstück fuhren wir zusammen auf eine Datscha (Gartengrundstück mit Häuschen) außerhalb von Brest. Unsere Freunde hatten Körbe voll Essen mitgebracht. Die Sonne lachte vom Himmel und am nahe gelegenen See konnten wir baden. Eine wunderbar schöne, anrührende Stimmung kam auf, als wir alle zusammen das irische Lied der Segenswünsche in deutscher Sprache einübten und sangen. Es war ein wunderschöner, erholsamer Tag zum Abschluss einer arbeitsreichen Woche. Sehr motiviert machten wir uns auf den Heimweg. Als wir in der Nacht zum 2. Mai wohlbehalten zuhause ankamen, waren wir froh, dass die weite Reise (insgesamt 3.200 km) ohne große Schwierigkeiten verlaufen war. Wir hatten viel erreicht in diesen Tagen. Nun wissen wir, dass unsere finanzielle Hilfe - und auch unsere Freundschaft - nach wie vor sehr gebraucht werden. Unsere Freunde in Weißrußland können sich gar nicht vorstellen, dass wir einmal nicht mehr kommen. Für uns steht fest - wir wollen sie nicht enttäuschen!

Marita Klös
Weißrußlandhilfe
Villingen/Nonnenroth

P.S.: Im Herbst soll es einen Hilfstransport mit Kleidern und Schuhen geben.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis des aktuellen "Kirchturmblicks"
Zurück zum Inhaltsverzeichnis des Archivs