Seit fast drei Jahren leistet die Notfallseelsorge Gießen seelischen Beistand für Menschen in Notsituationen
Erste Hilfe für die Seele

Auf der Wiese lag ein Verstorbener abgedeckt mit einem weißen Tuch, neben ihm kniete ein Feuerwehrmann in seiner orangen Einsatzjacke und betete. Ein Bild, das durch die Medien ging. Ein Ereignis, das viele Menschen bewegte und seine Wogen bis in den Gießener Raum schlug - das Zugunglück von Eschede.

Mit an der Einsatzstelle vor über einem Jahr waren auch Pfarrerinnen und Pfarrer.
Für viele Menschen war dieser Anblick der Seelsorger in ihren gelben Einsatzjacken ungewöhnlich, denn in erster Linie werden Helfer von Feuerwehr, Rettungsdiensten und Technischem Hilfswerk zur Rettung und Bergung benötigt.

Doch was manche nicht wissen: bei Großschadensereignissen gerät bei vielen Helfern und Rettern die Seele in Not, Helfer werden dann zu hilflosen Helfern.

Damit in solchen Fällen geholfen werden kann, sind in der letzten Zeit fast in der gesamten Bundesrepublik Notfallseelsorgeteams gegründet worden. Auch im Landkreis Gießen existiert seit dem 1. Dezember 1996 ein solches Hilfsangebot. 36 Pfarrerinnen und Pfarrer beider Konfessionen haben sich einer zusätzlichen Ausbildung unterzogen, die sie auf die vielfältige und oft schwierige Aufgabe an Einsatzstellen vorbereitet.

Beauftragt wurden die Seelsorgerinnen und Seelsorger von dem Propst für Oberhessen, Pfarrer Klaus Eibach und dem katholischen Dekan Ruhl.
Rund um die Uhr haben zwei Notfallseelsorger Rufbereitschaft. Der Bereitschaftsdienst wechselt wöchentlich jeweils am Freitag. Die Notfallseelsorger werden von den Notärzten und den Einsatzleitern der Feuerwehr oder der Polizei angefordert. Die Alarmierung läuft über die Leitstelle der Feuerwehr in Gießen. Die diensthabenden Notfallseelsorger sind mit Funkmeldeempfängern ausgestattet und sind damit überall im Landkreis Gießen erreichbar. Ausgerüstet mit einem Handy, im Notfallkoffer Abendmahlsbesteck, Bibeln, Spielzeug für Kinder zum Ablenken und Reden, einer Notfallagende - das ist ein kleines Buch mit speziellen Gebeten und Texten für Verletzte und Sterbende - versuchen die Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger psychische Erste Hilfe zu leisten.

Dabei treffen sie auf die verschiedensten Fälle. So gilt es, alleinstehende Personen zu betreuen, deren Familienmitglied plötzlich in die Klinik eingeliefert werden mußte. Oder bei schweren Unfällen und Bränden wird die Notfallseelsorge Gießen öfter gerufen. Zudem leisten die Pfarrerinnen und Pfarrer Hilfe, wenn Menschen sich das Leben nehmen wollen. Auch Beteiligte bei Streitigkeiten gilt es schon einmal zu besänftigen.

Ein sehr trauriger Dienst ist die Überbringung von Todesnachrichten. In diesen Fällen arbeiten Polizei und Seelsorger eng zusammen.

Allerdings werden die Helfer für die Seele in vielen Fällen nicht nur für die Beteiligten von Unfällen und anderen Unglücken gebraucht. Wenn Einsatzkräfte an die Unfallstellen gerufen werden und dann oft Bilder von großem Leid sehen, passiert es manchmal, daß auch den Helfern die Knie weich werden. Damit sie in diesen Fällen nicht zu hilflosen Helfern werden, hat die Notfallseelsorge Gießen, die von Pfarrer Armin Gissel, Pfarrer Thomas Born und Pfarrer Christoph Stöppler in enger Zusammenarbeit mit den Hilfsorganisationen aufgebaut wurde, für die Kräfte der Hilfsorganisationen Seelsorger aus dem Team der Notfallseelsorger beauftragt, die die Einsatzkräfte betreuen und beraten. Neben der Nachbereitung von Einsätzen bieten die beauftragten Notfallseelsorger den Hilfsorganisationen hier auch Angebote im Bereich der Fortbildung, zum Beispiel bei der Streßbewältigung, an.

Damit versucht die Notfallseelsorge Gießen, eine Lücke zu schließen, die von den Hilfsorganisationen als besonders schmerzlich empfunden wurde. Denn bei den ersten Gesprächen, die vor der Installation des kirchlichen Hilfsangebotes gemeinsam geführt wurden, war ein Satz von den Rettern und Helfern öfter zu hören: "Wenn ihr nicht zu uns gekommen wärt, dann wären wir bald zu euch gekommen."

Christoph Stöppler

3 Einsatzjacken

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